GESCHICHTE & KAFFEEKULTUR · ESPRESSO BECKER MAGAZIN

Moriondo und die frühen Kaffeemaschinen: Warum es zunächst um Tempo ging

Eine volle Kaffeestube, viele Bestellungen und nur begrenzt Zeit: So lässt sich die Aufgabe vorstellen, vor der frühe Kaffeemaschinen standen. Ihr Versprechen war zunächst erstaunlich praktisch. Kaffee sollte schneller bereitstehen. Angelo Moriondos Apparat von 1884 gehört zu den spannenden Stationen auf diesem Weg – auch wenn daraus noch kein Espresso floss, wie Sie ihn heute kennen.

Unsere Geschichtsreihe beginnt deshalb mit einem Blick auf die Arbeit hinter der Theke. Wer nach dem einen Erfinder der Kaffeemaschine sucht, übersieht leicht, wie unterschiedlich die Aufgaben waren: Wasser erhitzen, Kaffee auslaugen, mehrere Gäste versorgen oder eine einzelne Portion frisch zubereiten. Diese Wünsche führten nicht alle zur selben Konstruktion.

Kaffee beschäftigte die Technik schon vor Moriondo

Ein aufschlussreiches Zeitzeugnis stammt aus dem Jahr 1823. Das Polytechnische Journal veröffentlichte damals einen Beitrag über Romershausens Extraktionspressen. Darin geht es unter anderem darum, Flüssigkeit mithilfe eines Druckkolbens von unten durch das auszuziehende Material zu bewegen. Auch Kaffee kommt ausdrücklich vor; der Verfasser beschreibt eine Zubereitung innerhalb weniger Minuten. Nachlesen lässt sich das in der digitalisierten Originalveröffentlichung von 1823.

Schon diese Quelle zeigt, dass die Verbindung von Kaffee und Apparatebau lange vor 1884 diskutiert wurde. Aus ihr folgt jedoch keine direkte Entwicklungslinie von Romershausen zu Moriondo. Sie belegt etwas Bescheideneres und Interessanteres: Mehrere technische Wege sollten eine alltägliche Zubereitung verbessern. Ein früher Druckapparat war deshalb noch keine Espressomaschine im heutigen Sinn.

Für einen historischen Vergleich lohnt es sich, zunächst nach der Aufgabe zu fragen. Sollte ein Gerät den Handgriff erleichtern, Zeit sparen oder eine bestimmte Menge liefern? Erst danach wird verständlich, weshalb zwei äußerlich ähnliche Apparate durchaus verschiedene Lösungen darstellen können.

Turin 1884: Fortschritt bekommt eine Bühne

Moriondos Name führt nach Turin. Die Stadt präsentierte sich 1884 mit einer großen Ausstellung im Valentino-Park. Das städtische Museum MuseoTorino beschreibt sie als Schaufenster des industriellen Fortschritts. Selbst die elektrische Beleuchtung des Ausstellungsgeländes gehörte zu diesem Bild einer Stadt im Wandel. Der museale Überblick zur Industriestadt Turin hilft, diese Atmosphäre einzuordnen.

Eine Kaffeemaschine passt gut in diesen Zusammenhang: Fortschritt wurde an Dingen sichtbar, deren Nutzen man unmittelbar verstand. Bei Kaffee musste niemand erst erklären, weshalb eine kürzere Wartezeit angenehm sein konnte. Das ist eine Einordnung des Umfelds, keine überlieferte Aussage Moriondos über seine persönlichen Beweggründe.

Zugleich waren Cafés längst mehr als Ausschankstellen. MuseoTorino beschreibt die starke Verbreitung der städtischen Kaffeehäuser im 19. Jahrhundert und ihre Bedeutung als Treffpunkte für politische und kulturelle Gespräche. Ihre Einrichtung konnte an einen bürgerlichen Salon erinnern. Die Darstellung der historischen Cafés macht deutlich, in welche Umgebung neue Zubereitungsapparate einzogen. Die Technik stand mitten im gesellschaftlichen Alltag.

Was Moriondos Maschine tatsächlich veränderte

Das Kaffeemaschinenmuseum MUMAC nennt für 1884 einen Bericht der Gazzetta Piemontese über Moriondos neue Maschine. Entscheidend ist dabei die Beschreibung der Zubereitung: Der Apparat bereitete größere Kaffeemengen in einem dafür vorgesehenen Behälter zu. Einzelne Tassen wurden noch nicht jeweils auf Bestellung gebrüht. Diese Unterscheidung erläutert das Museum in seiner Übersicht der frühen Maschinenjahre.

Man kann den Unterschied mit zwei einfachen Abläufen veranschaulichen. Im einen Fall wird eine größere Menge Kaffee bereitet und anschließend ausgeschenkt. Im anderen beginnt mit jeder Bestellung ein eigener Brühvorgang. Beides kann Gäste schnell versorgen; die Organisation hinter der Theke ist jedoch eine andere. Moriondos Bedeutung wird klarer, wenn man seine Maschine an dieser damaligen Aufgabe misst.

Das MUMAC berichtet außerdem, dass die patentierten Apparate nicht regulär vermarktet wurden und zwei Maschinen im Gran Caffè Ligure der Familie eingesetzt wurden. Für seinen Kaffee verwendete Moriondo dem Museum zufolge die Bezeichnung für eine unmittelbare beziehungsweise rasche Zubereitung, nicht den Begriff Espresso. Diese Angaben stammen aus der vertiefenden Museumsdarstellung zu den Anfangsjahren.

Warum „die erste Espressomaschine“ zu kurz greift

Ein einziges Erfindungsdatum klingt angenehm eindeutig. Bei der Kaffeemaschine hängt die Antwort aber davon ab, was genau gemeint ist. Ein Apparat zur schnellen Mengenproduktion, eine Maschine mit abnehmbarem Siebträger und ein späteres Gerät für den vertrauten Espresso sind unterschiedliche Entwicklungsstufen.

Auch das Getränk sollte man nicht einfach aus der Gegenwart zurückprojizieren. Das MUMAC beschreibt den Kaffee der frühen Maschinenepoche als dunkel, heiß und ohne die später vertraute Crema. Die damaligen Geräte spiegelten zudem den Geschmack ihrer Zeit: geschwungene Formen und dekorative Elemente machten sie zu auffälligen Objekten auf der Theke. Technik und Gestaltung gehörten bereits zusammen.

Für Sie als Leser bedeutet das: Eine historische Maschine wird nicht weniger bemerkenswert, weil sie noch nicht alles konnte, was wir heute erwarten. Gerade ihre Grenzen erzählen, welche Fragen die nächste Generation von Konstrukteuren beschäftigen würden.

Der nächste Schritt: eine Bestellung, eine frische Portion

Die spätere Entwicklung lässt sich an Luigi Bezzera anschließen. In seiner offiziellen Jubiläumsdarstellung nennt der Hersteller ein Patent von 1901 und hebt das Siebträgersystem hervor. Die Zubereitung auf Bestellung wird dort als wichtiger Schritt zur Espressokultur beschrieben. Das ist eine historische Einordnung des Herstellers Bezzera; eine pauschale Erfindung sämtlicher Kaffeemaschinen lässt sich daraus nicht ableiten.

Hier setzt die nächste Folge über Bezzera und Pavoni an. Für heute bleibt Moriondo als Beispiel einer frühen, praktischen Antwort auf die Frage, wie Kaffee schneller verfügbar werden konnte. Wer diese Frage im Kopf behält, erkennt hinter den historischen Metallgehäusen mehr als schöne Ausstellungsstücke: durchdachte Versuche, den Alltag zu erleichtern.

Den größeren Bogen bis zum Vollautomaten finden Sie in unserem Überblick zur Geschichte der Kaffeemaschine. Alle Folgen sammeln wir im Themenbereich Geschichte & Kaffeekultur.

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